Dienstag, 2. Oktober 2012

Wenn von "kleinen Minderheiten" die Rede ist

"Den meisten Muslimen auf der Welt geht jenes Youtube-Video am Allerwertesten vorbei, sie fühlen sich dadurch nicht gekränkt, es ist ihnen völlig schnurzpiepegal. Die Fernsehkameras zeigen uns eine winzige Minderheit. Gewiss doch, jene Minderheit ist radikal und gewaltbereit – aber eines ist sie ganz gewiss nicht: zahlenmäßig repräsentativ" - das hat Hannes Stein vor etwas mehr als einer Woche in der "Welt" geschrieben. Man mag ja über Hannes Stein denken, wie man will: Seine Erzählungen aus dem amerikanischen Alltag sind sehr qualifiziert und höchst lesenswert, seine Ausführungen zur Beschneidungs-Debatte fand der Betreiber dieses Blogs sehr mutig, vielleicht etwas emotional, aber leider auch sehr treffend - nur seine naive Verklärung des radikalen Islam nervt langsam. Womit es auch nicht weiter verwunderlich ist, dass sein neuester Beitrag im deutschen Internet zu heftigen Debatten geführt hat (z.B. hier und hier).

Und in diesem Zusammenhang hat der American Viewer gestern auf etwas sehr Interessantes hingewiesen, nämlich darauf, wie groß der Anteil der deutschen Bevölkerung an jenem Nazi-Mob war, der in der Nacht vom 9. auf den 10.11.1938 im Rahmen der Reichskristallnacht jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert, die Bewohner misshandelt und Synagogen in Brand gesteckt hat: Seinen Schätzungen zufolge waren daran nicht mehr als 800.000 Deutsche beteiligt - also ungefähr 1% der damaligen deutschen Bevölkerung. Wie naheliegend es ist, im Sinne heutiger Sprachregelungen davon zu sprechen, dass 99% der damaligen deutschen Bevölkerung friedlich waren und mit derlei Extremismus nichts im Sinn hatten, erkennt man auch daran, dass die damaligen SPD-Politiker über ihr illegales Informantennetz im Dritten Reich davon gesprochen haben, "dass die Ausschreitungen von der großen Mehrheit des deutschen Volkes scharf verurteilt werden".

Nur dass die damals 99% friedlichen Deutschen, genau wie heutige "friedliche Mehrheiten" auch, nichts getan haben, um gegen den Terror des Nazi-Mobs zu protestieren oder den angegriffenen Juden gar zu Hilfe zu kommen - und diese "kleine Minderheit" später groß und stark geworden ist, einen Weltkrieg geführt und 6 Millionen Juden ermordet hat. Und das wirklich Erschreckende an dieser historischen Analogie ist ganz eindeutig die Tatsache, dass sich damalige wie heutige SPD-Politiker damit beruhigen, eine "große Mehrheit" würde die jeweiligen Ausschreitungen ja "scharf verurteilen".

Was bleibt, ist die erschreckende Erkenntnis, wie wenige Journalisten und Politiker aus unserer Geschichte gelernt haben. Bei Hannes Stein kann (und sollte) man ja noch entschuldigend vortragen, dass ihm, obgleich deutscher Herkunft, anscheinend jene amerikanisch-jüdische Naivität leitet, die in allen Menschen zuerst einmal das Gute sieht - und das Schlechte und Bedrohliche einfach nicht sehen will. Aber bei SPD-Politikern, die Salafisten hätscheln und der Salafisten-Gewalt vom 5. Mai durch das Verbot gewisser Karikaturen zu einem späten Sieg verhelfen, greift diese Entschuldigung nicht mehr - die haben ganz offensichtlich nichts aus unserer Geschichte gelernt.